Die Wurzel sexueller Probleme

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Sexuelle Probleme, wie Erektionsstörungen, frühzeitiger Samenerguss, Orgasmusunfähigkeit, Leistungsdruck, Versagensängste oder auch einfach nur Langeweile und Routine beim Liebesspiel haben viele unterschiedliche Geschichten, wie sie entstanden sind. Untersucht man jedoch die Wurzel dieser Schwierigkeiten, findet sich immer wieder die gleiche Ursache.

Wenn sich diese Symptome bei Paaren einstellen, fürchten sie manchmal, die Liebe sei verschwunden. Vielleicht wird dann nach neuen Bettpartnern gesucht oder dem Sex möglichst ganz ausgewichen. Oft wird nicht verstanden, warum der Sex, der zu Beginn der Partnerschaft vielleicht erfüllend war, auf einmal mit Schwierigkeiten belastet ist.

Manche Paare nehmen auch als gegeben hin, dass Sex nicht mehr so intensiv und aufregend ist, weil sie schon länger mit ihrem Partner zusammenleben.

Sexualität muss in einer langjährigen Ehe nicht langweilig oder durch andere Schwierigkeiten beeinträchtigt werden. Dennoch empfinden Paare dies häufig. Woran liegt das?

In unserer heutigen dominierenden westlichen Kultur meinen wir ganz überwiegend, unsere innere Erfüllung im Außen finden zu können. Unseren inneren Hunger nach Liebe, Zufrieden- und Geborgenheit versuchen wir durch Einverleibung materieller Dinge und Werte zu stillen. Wir suchen unser Glück, indem wir etwas da draußen suchen, was unser Inneres ausfüllen soll. Es gibt viele Strategien, wie diese innere Leere angefüllt werden soll, z.B. über Essen und Trinken, Konsum, Reisen, Arbeit, Sex, beruflicher Erfolg, Anhäufung von Wohlstand, etc.. Diese Strategien werden gesellschaftlich meistens positiv gesehen.

Gegen Freude an gutem Essen, ästhetischen Dinge, schönen Reisen, berufliches Engagement und gutem Sex ist nichts einzuwenden. All das bereichert unser Leben. Doch vermögen diese Strategien, auch wenn sie noch so erfolgreich verlaufen, uns nicht zu erfüllen. All das, was wir schon erreicht haben, reicht nicht aus, um in der Tiefe gesättigt zu werden, solange eine wesentliche Zutat fehlt. Diese ist nicht im Außen zu finden. Nichts im Außen wird uns wirklich und auf Dauer erfüllen und sättigen, solange wir nicht als die, die wir sind, präsent sind.

Die meisten Menschen glauben vielleicht, sie selbst zu sein. Aber sie sind es nicht. Anstatt einfach wir selbst zu sein, sind wir ein Bündel von Prägungen, gefangen in alten Geschichten. Muster aus der Vergangenheit haben unser Sein und Handeln so sehr durchdrungen, dass wir ein Leben in vorhersehbaren Reaktionen statt in spontanen Antworten auf den Moment leben. Um das zu verstehen, müssen wir ein klein wenig ausholen.

Unsere Prägungen machen sich z.B. im Über-Ich bemerkbar. Es wird ab dem ersten Lebensjahr von Eltern, sozialem Umfeld und später auch durch Schule und Kultur geformt. Die fatale Macht des Über-Ich entsteht dadurch, dass sich ein Gefühl von Selbstwert in Abhängigkeit von erzielter Leistung und dem erwünschten Verhalten entwickelt. Beim Kind entsteht z.B. der Eindruck: Nur wenn ich Mamas lieber Junge bin (d. h. so bin und mich verhalte, wie Mama sich das wünscht), hat sie mich lieb! Oder: Nur wenn ich immer schön leise bin, bin ich willkommen. Wie sich solche Prägungen auf den Sex auswirken, kann man sich leicht vorstellen. Es ist als läge man nicht zu zweit im Bett, sondern die Mütter, als erste prägende Instanz, sind auch noch dabei. Das ist nicht gerade sehr erotisierend.

In diesem Prozess der frühkindlichen Prägung, den jedes Kind meist mehr und eher selten weniger durchläuft, beginnt es sich von dem, was sein ureigenes Wesen ist, abzuschneiden. Seine natürliche und selbstverständliche Fähigkeit, einfach im Sein zu ruhen, wird ihm, je älter es wird, immer weniger zugänglich.

In wacher Präsenz sein

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In wacher Präsenz

Während der Säugling noch selbstvergessen in der Betrachtung seiner eigenen Hände verzückt sein kann, oder im Blickkontakt mit der Mutter in deren Augen versinkt, ist ihm dieser direkte innere Kontakt zu sich und seiner Umgebung immer weniger zugänglich.

Diesen Verlust der emotional zutiefst nährenden Verbindung zwischen sich und der Welt um es herum versucht das Kleinkind zu kompensieren, indem es tut, was die Eltern sich von ihm wünschen. Je besser es das macht, um so mehr Zuwendung wird ihm entgegen gebracht. Es fühlt sich wieder verbunden und gehalten. Je weniger ihm das gelingt, um so mehr Ablehnung und damit Trennung und Haltlosigkeit erfährt es.

Damit ist nicht etwa gemeint, dass Eltern Unmenschen sind, die ihr Kind mit Bestrafung einschüchtern. Die Prägung geschieht viel subtiler und nicht selten auch durchaus gegen den Willen der Eltern, die doch eigentlich das Beste für ihr Kind wollen. Wir können unseren Kindern nichts anderes vermitteln, als das, was wir sind. Erziehung vollzieht sich weniger über Worte als darüber, was Eltern tun und wer sie sind. Eltern, die von unserer leistungsorientierten Kultur geprägt sind und ihren Selbstwert darüber zu finden versuchen, Dinge gut zu machen, werden ganz selbstverständlich ihr Kind anspornen Leistung zu zeigen, anstatt einfach nur mit ihm zu sein. So erzählen junge Mütter stolz, dass ihr Säugling schon alleine im Bettchen schläft, ihr Kleinkind schon die ersten Schritte macht, die ersten Worte sagt, schon auf ’s Töpfchen geht, etc.. Ganz selbstverständliche Entwicklungsschritte, die jeder gesunder Mensch bewältigt, werden als Errungenschaften dargestellt, weil sie vielleicht besonders früh geschehen. Und was, wenn nicht. Da machen sich Eltern sehr schnell Sorgen, wenn das Kind nicht „früh genug“ trocken und sauber ist, oder wenn es mit dem Lesen oder Rechnen ein wenig länger dauert.

Ein kleines Kind ist auf Zuwendung und Kontakt der Eltern angewiesen. Wenn Eltern nicht in Präsenz mit ihm verbunden sein können, dann kann es nicht Verschmelzung und Gegenwärtigkeit erfahren. Es passt sich der Welt der Eltern an, die mehr oder weniger davon geprägt ist, woanders als im Hier und Jetzt zu sein, so wie es gerade ist. Dieses Woanders bedeutet meistens: Schneller, besser, weiter zu sein als das, was gerade ist. Damit lernt das Kind, sich wie seine Eltern auf die Zukunft und nach außen zu orientieren. Nicht nur bleibt der gegenwärtige Moment, in dem das eigentliche Leben und echte Begegnungen stattfinden, auf der Strecke. Sondern das Kind wird ständig mit ihm vermittelter Unzulänglichkeit konfrontiert: „Du bist nicht gut, schnell, weit, etc. genug!“

Nun, was hat dies alles mit Sex zu tun? Zugegebenermaßen ein weiter Bogen. Der Mensch hat verlernt, mit sich selbst in Kontakt und in seinem eigenen Körper anwesend zu sein. Wer nicht mit sich selbst verbunden ist, kann nicht in Kontakt mit seinem Partner sein. Wer nicht in Präsenz im Augenblick sein kann sondern auf ein Ziel hin orientiert ist, der ist schlicht und einfach „nicht da“, sondern woanders, meistens bei seinen Vorstellungen, wie etwas sein sollte. Wer Vorstellungen hat, wie der Sex, wie er oder sein/e Partner/in im Sex sein sollte, der kann nicht entspannt in der sexuellen Begegnung sein, so wie sie gerade geschieht. Wer von seinem Über-Ich gepeinigt wird, „es“ gut zu machen – wobei sich das „gut machen“ auf den eigenen Orgasmus, die sexuelle Befriedigung des Partners oder das gesamte sexuelle Geschehen beziehen kann – wird Anspannung, Angst und Leistungsdruck verspüren. Dies sind die kontra produktivsten Ingredienzen für ein Liebesspiel.

Jeder Moment, nicht nur der sexuelle, kann nur dann intensiv erfahren werden, wenn Menschen in diese Gegenwärtigkeit eintauchen können. Gedanken, Persönlichkeitsmuster, das defizitäre Gefühl „nicht auszureichen“ sind dabei sehr im Weg. Im Sex zeigen sich diese inneren Spannungen am deutlichsten, weil guter Sex vor allem die Erlaubnis braucht, man selbst sein zu dürfen, genauso wie man ist.

Junge Menschen und junge Paare finden oft leichter in eine präsente sexuelle Begegnung. Sexuelle Hormone oder Verliebtheit fegen Persönlichkeitsmuster und Prägungen leichter beiseite. Wenn ein Paar jedoch lange zusammen ist und beide älter werden, verlieren Hormone und anfängliche Verliebtheit an Wirkung. Für Menschen, die gelernt haben, in der Gegenwart mit allem, mit sich selbst und mit ihrem Partner präsent zu sein, gewinnt der Sex stetig mehr an Tiefe und Leidenschaft. Er ist immer wieder neu und anders. Menschen die dies nicht gelernt haben, werden noch eine Zeitlang versuchen, vielleicht durch wechselnde Partner, wechselnde Liebestechniken oder durch andere nach Außen verlagerte Befriedigungen, Erfüllung zu finden. Doch auch dann möchte die in jedem Menschen innewohnende Sehnsucht immer noch Gehör finden, man selbst sein zu dürfen und frei von den Fesseln der Persönlichkeitsstruktur sein Leben und seine Sexualität zu leben.

Unsere verloren gegangene Fähigkeit, präsent zu sein, lässt sich wieder erlernen und trainieren. Sehr hilfreich hierzu sind meditative Praktiken und eine achtsamkeitsorientierte Einzel- oder Paartherapie. Die therapeutische Arbeit der JOY: HeilpraktikerPraxis für Paar- und Psychotherapie misst der Vermittlung von achtsamer Präsenz im Umgang mit sich selbst und mit der/dem Liebespartner/in große Aufmerksamkeit bei. Präsenz ist eine gesunde und starke Wurzel, in der nicht nur die Sexualität sondern das ganze Leben erblüht. Probleme in der Sexualität sind kein beklagenswertes Unglück. Sie sind eine Einladung, ihr zur wichtigsten Grundlage für beglückendes Erleben zu verschaffen: PRÄSENZ!

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